Investitionsanreize – Energiemix bei der Stromerzeugung

 

Eine praktisch kaum verstandene Besonderheit der Elektrizitätserzeugung ist der stark konvexe Verlauf der Grenzkosten. Im Unterschied zur Herstellung von normalen Gebrauchsgütern erreichen die Grenzkosten extreme Werte, wenn die Nachfrage hoch ist. Mit der im Januar 2007 von der EU-Kommission im Januar 2007 vorgelegten Sector-Enquiry wurden die entsprechenden Grenzkostenstrukturen der Jahre 2000, 2004 und 2005 publiziert. Die Angaben beruhen auf der durch die Kommission veranlassten Betreiberumfrage und nicht auf einer Simulation von Grenzkosten. Die Abbildung lässt außerdem die Opportunitätskosten von CO2-Emissionsrechten unberücksichtigt.

 

 

Diese Angaben bieten eine zentrale Erklärung für die in der letzten Zeit sehr hohen Strompreise am deutschen Großhandelsmarkt während der Spitzenlast-Zeiten: Selbst ohne die Einpreisung von CO2-Emissionsrechten ist die in der Abbildung unterstellten Naschfrage mit einem Preisanstieg von 40,- Euro/MWh im Jahr 2000 auf 100,- Euro/MWh im Jahr 2005 verbunden.

 

Bedauerlicher Weise reduziert sich die öffentliche Interpretation der hohen Strompreise auf den Missbrauch von Marktmacht. Die Abbildung legt jedoch die Annahme nahe, dass es selbst ohne Ausübung von Marktmacht hohe Großhandels-Strompreise derzeit unvermeidlich sind, weil

 

-        die Kosten für den Erdgaseinsatz seit 2000 deutlich gestiegen sind,

-        die Erzeugungskapazitäten seit 2000 um rund 5000 gesunken sind, obwohl die Stromnachfrage weiter wächst,

-        die Preiselastizität der Stromnachfrage extrem gering ist.

 

Diese Situation ist entstanden, weil der Finanzmarkt, die politische Regulierung und die reale Wirtschaft unterschiedliche Zeithorizonte und Reaktionsgeschwindigkeiten haben.

 

Finanzmärkte sind extrem kurzatmig, wohingegen die reale Wirtschaft Planungs- und Reaktionszeiten von fünf bis 10 Jahren hat. Unter Einbezug von Kraftwerkslaufzeiten erweitert sich dieser Zeithorizont auf 20 bis 40 Jahre. Die Diskrepanz zwischen den Zeitskalen der Finanzmärkte und der realen Wirtschaft lässt sich nur durch Langfristverträge überwinden.

 

Neu hinzu kommt der Zeithorizont der politischen Regulierung. Im Bereich der Elektrizitätswirtschaft liegen dieser momentan bei drei Jahren (EU-Richtlinien), ein bis drei Jahre (Netzregulierung) und fünf Jahre (CO2-Emissionshandel). Politische Wahlzyklen von maximal vier bis fünf Jahren überlagern diese Regulierungszyklen zusätzlich. Es ist momentan völlig offen, mit welchen Instrumenten die Regulierungsrisiken so weit reduziert werden können, dass die reale Wirtschaft wieder investitionsfähig ist. Die Antwort auf diese Frage ist von zentraler Bedeutung für die Sicherung der Stromversorgung zu erträglichen Kosten und damit den Wirtschafts- und Industriestandort Deutschland.

 

 

 

CO2-Emissionshandel: Kommt der CO2-Störfall?

 

Der Markt für Emissionsrechte ist momentan durch das Vorliegen einer Situation multipler Gleichgewichte gekennzeichnet. Zu jedem der folgenden drei Marktsituationen gehört ein analoges Preisniveau, welches sich zum Ende der Handelsperiode 2008-2012 einstellen wird:

 

Marktsituation Ende 2012

CO2-Preis Ende 2012

long: es sind zu viele Emissionsrechte vorhanden

Preis der CO2-Emissionsrechte für das Jahr 2013

short: es sind zu wenige Emissionsrechte vorhanden, weshalb einige Anlagebetreiber die Strafzahlung von 100,- EURO/t CO2 zahlen und außerdem die Emissionsrechte der Handelsperiode ab 2013 nachliefern müssen,

100,- EURO/t CO2 zuzüglich Preis der CO2-Emissionsrechte für das Jahr 2013

short, aber aus JI- und CDM- Projekten stehen so viele Emissionsrechte zur Verfügung, dass alle Anlagenbetreiber durch den Kauf entsprechender Rechte ihre Verpflichtungen einhalten können.

Abhängig von dem Preis, zu dem entsprechenden Emissionsrechte von Russland, Ukraine, China, Indien, etc. erworben werden können, doch mindestens der Preis der CO2-Emissionsrechte für das Jahr 2013

 

In der ersten Handelsperiode 2005-2007 konnte die mit multiplen Gleichgewichten verbundene Volatilität der CO2-Preise beobachtet werden. Bis zum April 2006 waren die Markterwartungen short, am „schwarzen Freitag“ haben die Markterwartungen gedreht. Durch einen „Fehler“ in der EU-Emissionshandelsrichtlinie, nämlich das Verbot, überschüssige Emissionsrechte in der Folgeperiode einzusetzen, wurde das CO2-Preisniveau  praktisch zum Absturz gebracht.

 

 

Es gibt eine ganze Reihe schwer antizipierbarer Faktoren, von denen es zukünftig abhängt, welches der Gleichgewichte und damit welcher CO2-Marktpreis eintreten wird. Die Politik hat in den letzten Monaten immer wieder betont, dass sie auf jeden Fall verhindern möchte, dass der CO2-Markt erneut long wird. Angesichts bestehender Unsicherheiten über die mit JI- und CDM-Projekten  zur Verfügung stehenden CO2-Emissionsrechte sollten wir aber auf CO2-Preise von 100,- Euro/t CO2 oder mehr vorbereitet sein – weil dies mit existenziellen wirtschaftlichen und sozialen Folgen für die deutsche Wirtschaft verbunden ist und deshalb als „CO2-Störfall“ bezeichnet werden muss.

 

 

 

Bioenergie und Wirtschaftswachstum

 

Die ökonometrische Auswertung der beiden Erdölpreisschübe 1973 und 1979/80 liefert die Aussage, dass ein Erdölpreisanstieg von 10,- USD/Barrel das globale Wirtschaftswachstum um 0,7 Prozentpunkte reduziert. Seit dem Ende der 1990er Jahre sind die Erdölpreise von rd. 20,- USD auf über 60,- USD/Barrel angestiegen. Demzufolge müsste das Weltwirtschaftswachstum in den letzten Jahren um rund 2,8 Prozent gedrückt worden sein. In Tat und Wahrheit bewegt sich das Weltwirtschaftswachstum jedoch in den letzten Jahren auf Rekordniveau (durchgezogene Linie, Datenquelle IMF). Es  hat den Anschein, dass ein steigendes Erdölpreisniveau in den letzten Jahren keinen dämpfenden, sondern einen stimulierenden Effekt auf die Weltwirtschaft hatte.

 


 

Erdölpreisanstieg und Inflationserwartungen: Viele meinen, dass der veränderte Erdölpreiseinfluss auf die weltwirtschaftliche Entwicklung damit zusammenhängen würde, dass der Erdölverbrauch pro Einheit Bruttoinlandsprodukt in den letzten Jahrzehnten deutlich gesunken ist. Allerdings ist dies keine plausible Erklärung dafür, dass sich das Vorzeichen dieses Einflusses offenbar umgekehrt hat.

 

Andere verweisen auf die extrem dynamische Wirtschaftsentwicklung der Volksrepublik China, welches mit einem starken Erdölimportwachstum verbunden ist. Dieser Nachfrageschock wirkt sowohl positiv verstärkend auf das Weltwirtschaftswachstum als auch auf das Erdölpreisniveau.

 

Es gibt darüber hinaus auch eine monetaristische Interpretation, die derzeit insbesondere unter den amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlern intensiv diskutiert wird: Im Unterschied zu den Erdölschocks der 1970er Jahre hat der gegenwärtige Erdölpreisanstieg keine empirisch messbaren Auswirkungen auf die Inflationserwartungen, was sich z.B. auch darin niederschlägt, dass in den Lohnverhandlungen der letzten Jahre der erdölbedingte Anstieg der Konsumentenpreise keine Rolle spielte. Dies könnte vielleicht auch damit erklärt werden, dass die offiziell ausgewiesenen Inflationsraten mittels raffinierter statistischer Verfahren künstlich gedrückt werden. Wegen der entsprechend niedrigen Inflationserwartungen sehen die Nationalbanken der Industriestaaten keine Veranlassung für eine restriktive Geldpolitik, die das globale Wirtschaftswachstum natürlich dämpfen müsste.

 

Bioenergie und Inflationserwartungen: In den letzten Monaten ist allerdings ein ganz neuer Aspekt aufgetaucht. Die starke Ausweitung der Agrargüterproduktion für die Bioenergie-Märkte ist bereits heute mit einem erkennbaren Anstieg der Grundstoffe für die Nahrungsmittelproduktion verbunden (insbesondere Getreide, Mais, Zucker, Öle).  Beispielsweise ist der Dow-Jones-Agriculture-Spot-Index, der aus sieben agrarischen Rohstoffen gebildet wird, innerhalb der letzten zwölf Monate um über 35 Prozent angestiegen. Bei weiter steigenden Erdöl- und Erdgaspreisen wird sich der Druck noch weiter verstärken, Mais und Getreide verstärkt zur Herstellung von Elektrizität und Biogas einzusetzen, womit Ackerflächen der Lebensmittelproduktion entzogen werden. Mittelfristig ist damit eine engere Kopplung der Preise für Energie und Agrargüter verbunden.

 

Auf den Agrarmärkten ist der Zusammenhang zwischen Erntevolumen und den Absatzpreisen seit je bekannt. Zyklische Knappheit an Lebensmitteln ist ein schon sprichwörtliches Phänomen („Schweinezyklus“). In Zukunft wird auch das Energiepreisniveau von guten bzw. schlechten Ernteerträgen sowie den Anbauentscheidungen der landwirtschaftlichen Betriebe abhängen.

 

Es stellt sich die Frage, ob ein damit verbundener Konsumentenpreisanstieg künftig von den Sozialpartnern ähnlich wie der Erdölpreisanstieg neutralisiert wird und entsprechend keine Rolle bei der Lohnfindung spielt. Den Tarifpartnern ist heute klar, dass der mit Importenergiepreisen verbundene Kaufkraftabfluss für die Verteilungskämpfe im Inland tabu sein muss, um eine Lohn-Preis-Spirale zu verhindern.

 

Doch es darf bezweifelt werden, dass dies auch für einen Kaufkrafteffekt gelten wird, der aus einem energiewirtschaftlich bedingten Anstieg von Agrargüterpreisen resultiert. Die Bevölkerung wird durch steigende Lebensmittelpreise stärker und direkter betroffen als durch steigende Energiepreise: Abgesehen von den Tankstellenpreisen, wo das Weltmarktpreisniveau durch den hohen Fiskalanteil nur begrenzt auf die relativen Endverbraucherpreise durchschlägt, spüren die meisten Verbraucher höhere Weltenergiepreise erst bei der jährlichen Nebenkostenabrechnung ihres Vermieters. Demgegenüber werden die Lebensmittelpreise praktisch täglich wahrgenommen. Damit hat der Bioenergie-Boom vermutlich bald schon spürbare Auswirkungen auf die Inflationserwartungen.

 

Entsprechend ihrem Stabilitätsauftrag werden in diesem Fall die Zentralbanken zu restriktiven geldpolitischen Maßnahmen gezwungen sein, die perspektivisch einen dämpfenden Effekt auf das Wirtschaftswachstum in den Industriestaaten haben.

 

Die monetaristische Interpretation des Zusammenhangs zwischen Erdölpreisen und Wirtschaftswachstum hat also zur Konsequenz: Der Boom der Bioenergie stellt eine Gefährdung des Wirtschaftswachstums dar. Diese weithin unbekannte Schlussfolgerung steht im diametralen Gegensatz zu der populären Vorstellung einer binnenwirtschaftlichen Belebung, wenn die mit Energieimporten verbundene Wertschöpfung im Ausland durch die Produktion einheimischer Bioenergieträger ins Inland verlagert wird. Aber auch beim Zusammenhang zwischen Erdölpreisentwicklung und Wirtschaftswachstum haben primitive wirtschaftspolitischen Analysen falsch gelegen.