Bericht vom Prognoseforum-Symposium
am 24. Januar 2005 in Berlin
 „Gestaltung des künftigen Erdgasmarkts"
Entry-Exit-Netzzugang und Speicherbewirtschaftung


Entry-Exit-Transportnetzzugang

Zum Entry.-Exit-Modell präsentierte zunächst Graham Shuttleworth (NERA Economic Consulting, London) eine Analyse des britischen Systems sowie Schlußfolgerungen für die in Deutschland geplante Einführung des Entry-Exit-Zugangs zu den Fernleitungen. Weil das "ideale" System leider eine ganze Reihe von Nachteilen hat, nämlich
Deshalb wird es ständige Veränderungen des "idealen" Systems geben, wie dies schon in der Vergangenheit in Großbritannien beobachtet werden konnte.

Die Berechnung der frei zuordnenbaren Leitungskapazitäten erscheint dabei als ein kleineres Problem. Georg Westner von der TU München präsentierte die mathematisch-physikalische Methodik, die sich nach Ansicht der Teilnehmer in der Praxis durchsetzen wird. Dabei kamen auch die Schwierigkeiten dieser Methodik zur Sprache, die in den Wechselbeziehungen von zusätzlich kontrahierten Gasflüssen (Mindestflüsse) auf die Verfügbarkeit von frei zuordenbaren Kapazitäten liegen. Durch die Bildung mehrerer Netzzonen kann dieses Problem allerdings entschärft werden.

Sehr kontrovers wurde die These von Frank-Yves Le Vaillant von der Natgas AG, Potsdam diskutiert, wonach die mit den ungenügenden Gasnetzzugang verbundenen Probleme des Gashandels nicht im Zugangsmodell für das Ferngasnetz liegen, sondern durch Schnittstellenprobleme zwischen Ferngasnatz und Verteilnetzen bedingt sind. Die These wurde von einer Fülle von Fallbeispielen belegt, die von den Teilnehmern aus eigener Erfahrung bestätigt wurden. Da diese in den vorliegenden Verordnungsentwürfen weitgehend ausgeklammert sind, wird sich der Gaswettbewerb bei der Endkundenversorgung sich in den nächsten Jahren eher träge entwickeln. Gleichzeitig aber könnten die Stadtwerke - ähnlich wie beim Strommarkt - die Gewinner der ersten Stufe der "Gasmarktliberalisierung" werden.

Die sich daran anschliessende Diskussion unter den Teilnehmern war derart interessant, dass ihr fast die Mittagspause zum Opfer fiel. Angesprochen wurde u.a. der sich überall in Europa abzeichnende Trend, wonach Netzinvestitionen künftig nur noch getätigt werden, wenn diese von der Netzzugangsregulierung ausgenommen werden. Auf der Entry-Seite werden sich voraussichtlich Langfristverträge mit Laufzeiten bis zu 15 Jahren durchsetzen (Flexibilität ist durch Markt für Buy-Back-Kapazitäten erreichbar). Die heutigen Gasnetze wurden für zeitlich stabile Gasflüsse gebaut, während die Stromnetze für sehr flexible Stromflüsse ausgelegt sind. Für flexiblere Gasflüsse muss das Gasnetz demnach ausgebaut werden, was die Netzkosten vergrößern müsste.

Speicherzugang

Nach der Mittagspause stellte Klaus-Dieter Barbknecht von der GTE/VNG Leipzig die jüngsten Diskussionen des Madrid-Forums über Best-Practice-Regeln für den Speicherzugang vor. Er beobachtet einen Paradigmenwechsel seitens der EU-Kommission, der durch die Beschleunigungsrichtlinie Gas aus dem Jahr 2003 nicht gedeckt ist: Letztere sieht die Gewährung des Speicherzugangs vor, sofern dies für die Netznutzung notwendig ist. Inzwischen verlangt die EU-Kommission den Speicherzugang zur Erleichterung des Handels.
Aus technischer Sicht hängt die Funktion des Speichers (Ausgleich saisonaler Schwankungen; Spitzenlastausgleich; strategische Reserve) allerdings von seiner Entfernung zu den Fördergebieten bzw. den Verbrauchern ab. Mit den künftig weitgehend entfernungsunabhängigen Netznutzungsentgelten ist eine "Europäisierung" der Speicher zu erwarten.

Dr. Michael Kraus
(NERA Economic Consulting, Berlin) regte in seinem Vortrag an, die Gasspeicher künftig als Realoptionen zu betrachten. Angesichts der teilweise vorhersehbaren saisonalen Gaspreisentwicklung stellen Gasspeicher ein interessantes Hedging-Instrument dar. Der intrinsische Optionswert hängt u.a. ab von der (zeitvariablen) Preisvolatilität sowie dem Mean-Reversion-Preisverhalten. Auf der Basis von Preisnotierungen liquider Spot- und Terminmärkten können die notwendigen Indikatoren berechnet werden, womit sich optimale Speicherstrategien berechnen lassen.

Den Ausführungen von Dr. Andreas Kost (BEB Transport und Speicher Service GmbH, Hannover) zufolge kann diese Speicheroptimierung künftig von den Speicherkunden des Unternehmens durchgeführt werden. Allerdings wird dies Geschäftsmodell nur für einige wenige große Kunden interessant sein. Kleinen Schippern wird eine Kombination von Speicherzugang und Netzatmung (erweiterter Bilanzausgleich) angeboten.


In der sich anschliessenden Diskussion wurde betont, dass
die Regulierung der Tarife für den Speicherzugang nicht nur vor dem Hintergrund unterschiedlicher technischer und wirtschaftlicher Speichermerkmale  höchst anspruchsvoll ist. Es findet nämlich damit ein administrativer Eingriff in einen im Prinzip sehr breiten und vielfältigen "Flexibilitätsmarkt" statt, dessen Instrumente unterbrechbare Verträge, modulierte Förderung, Line-pack, Lastabwurf, Realoptionen etc. sind.


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