Der Preis der Mitgliedschaft im EURO-Club

 

Mitglieder im elitären Club der EURO-Zone zahlen einen Preis für ihre Mitgliedschaft: sie können ihre Währung intern nicht mehr abwerten. Insbesondere für kleine offene Volkswirtschaften ist dieser Preis nicht zu unterschätzen.  Die Tragweite dieses „Opfers“ wird nur zu leicht unterschätzt.  Es impliziert nämlich gegebenenfalls schmerzhafte strukturelle (interne) Anpassungsprozesse, was insbesondere zu Wahlzeiten recht unangenehme Nebenwirkungen haben kann. Den meisten (Wirtschafts-) Politikern wird das Gewicht dieser Tatsache erst klar, wenn es schon zu spät ist, d.h. wenn sie schon Mitglied sind im Club. 


Eine mögliche Vorsorge hätte darin bestanden, vor dem Beitrittszeitpunkt die alte Währung noch einmal stark abzuwerten. Aber in dem – verständlichen – Bestreben, zu möglichst günstigen Konditionen einzutreten, wurde diese Einsicht nur zu gerne ignoriert. Im Falle Griechenlands erfolgte genau das Gegenteil: Die griechische Drachme wertete unmittelbar vor dem Beitritt zur EURO-Zone noch um 10% auf. Ein anderes Beispiel liefert der portugiesische Escudo. Zwischen 1970 und 2000 verlor er rund 90% seines damaligen Außenwertes gegenüber der DM. Von diesen 90% entfielen nur 10% auf die letzten 10 Jahre – und das zu einer  Zeit, in der durch die Öffnung Osteuropas neue Niedriglohn-Konkurrenz auf den gesamteuropäischen Markt drängte und eine stärkere Wechselkursanpassung hilfreich (oder sogar notwendig) gewesen wäre. Weitere 10 Jahre später droht nun zwangsläufig eine ernsthafte Krise. Für Griechenland und Portugal bleibt mittelfristig wohl nur der kurzzeitige Austritt, eine anschließende rasche und starke Abwertung und dann eventuell der Wiedereintritt unter neuen Voraussetzungen. Dieser Einschätzung steht der politische Wunsch des EZB-Präsidenten Claude Trichet nicht entgegen: "Man kann aus der Euro-Zone nicht ein- und aussteigen wie aus einem Bus" (Quelle: www.reuters.com/article/idUSLDE60O21420100126?type=usDollarRpt vom 9.4.2010).

 

 

 

Figur: Relative Effective Exchange Rates
 Quelle: ftalphaville.ft.com/blog/2010/01/27/135691/
if-i-had-a-pound-peseta-drachma-or-a-deutsche-mark

 

Um das Auseinanderdriften der EURO-Zone abschätzen zu können, braucht es einen quantitativen Indikator der relativen Wettbewerbsfähigkeit der Mitgliedsstaaten untereinander. Dazu kann die Relative Effective Exchange Rate verwendet werden (siehe vorstehende Figur).  Nach diesen von der EU-Kommission erhobenen Zahlen müssten die relativen Kosten der griechischen und portugiesischen Wirtschaft gegenüber den anderen EURO-Ländern um mindestens 15% sinken. Bei Spanien sind es sogar rund 20%, im Falle Irlands noch mehr. Die im Zweifelsfall noch geschönten EU-Berechnungen geben einen Hinweis darauf, wie groß der strukturelle Druck auf die wettbewerbsschwachen EURO-Länder bereits geworden ist. Während sich die Lage Irlands in den letzten Jahren zu bessern scheint, der Druck also abnimmt, geht der Negativtrend in Ländern wie Griechenland und Spanien bis zuletzt munter weiter.

 

Die derzeit im Vordergrund der Debatte stehende Staatsverschuldung der wettbewerbsschwachen EURO-Länder ist im Kern nur der oberflächliche Ausdruck dieser fundamentalen Wettbewerbsverschiebungen. Würde man den Defizitländern, wie auf kurz oder lang unvermeidlich, die Staatsschulden kräftig streichen, hätten diese nur eine Verschnaufpause gewonnen, das Grundproblem der unterschiedlichen und sich ausenander entwickelnden Wettbewerbsstärken im EURO-Club wäre nicht gelöst. Im Prinzip ist natürlich nicht auszuschließen, dass Länder unter dem internationalen Druck ihre Strukturprobleme in den Griff bekommen. Doch legt man die Erfahrungen im EURO-Raum zugrunde, gibt es für diesen Optimismus wenig Substanz. Entsprechend ist der Apell der französischen Finanzministerin Lagarde an die Bundesregierung im März 2010 zu verstehen, Schritte zur Verringerung der Deutschen Wettbewerbsfähigkeit zu unternehmen.

 

In der Tat profitieren exportstarke EURO-Länder wie Deutschland heute massiv von der Wettbewerbsschwäche anderer EURO-Länder. Dank der Finanzierungsprobleme von Griechenland ist der Außenwert der Gemeinschaftswährung gegenüber Fremdwährungsländern (USD etc.) um 10% gesunken. Das stimuliert natürlich die Exportstärke Deutschlands gegenüber dem Dollarraum (siehe aktuell den Auftragseingang Deutschlands im März 2010). Gleichzeitig leidet die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands innerhalb der EURO-Zone nicht, da intern ja kein Aufwertungsdruck existiert, zumindest solange die Gemeinschaftswährung politisch gestützt wird. Für die deutsche Exportwirtschaft also einfach ideal.


Allerdings werden Deutschland und die anderen exportstarken EURO-Länder einen Preis in Form von hohen internationalen Transfers zahlen müssen - demnächst an Griechenland, später wohl auch an andere wettbewerbsschwache EURO-Länder. Letztendlich finanzieren damit die Steuerzahler einen immer größeren Teil der deutschen Exporte in EURO-Länder – frei nach dem Motto "Privatisierung der Exportgewinne, Sozialisierung der Exportrisiken". Man wird sehen, wie lange die deutsche Politik die vom Maastricht-Vertrag eigentlich nicht vorgesehene Transferunion gegenüber den Steuerzahlern wird durchstehen können. Auch deutet sich bereits das Problem an, wie die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union den zwangsläufigen Machtzuwachs der Zahlerländer akzeptieren werden.

 

 

24. April 2010